Juristische Ausbildung als Zeitverschwendung?

Juristische Ausbildung als Zeitverschwendung?

Ein Ex-Mitarbeiter von google behauptet, die medizinische und juristische Ausbildung wären zukünftig Zeitverschwendung. Vor allem Dissertationen wären unnötig: KI werde viele Berufsbilder und die Bedeutung von akademischen Titeln revolutionieren. Was ist von solchen Thesen zu halten?

  • Fokus online verweist auf einen aktuellen Artikel im Fortune-Magazin.
  • Darin äußert sich Ex-Google-Manager Jad Tarifi zu Berufsaussichten u.a. von Medizinern* und Juristen* im KI-Zeitalter.
  • Insbesondere Dissertationen – so seine These – wären Zeitverschwendung, da KI entsprechend zeitintensive Arbeiten in kürze überflüssig mache.
  • Die Generation Z könnte bei falscher Schwerpunktsetzung im Studium Jahre ihres Lebens „wegwerfen“

Ein Schwerpunkt des Beitrags ist die Frage, ob und wie weit eine Verschiebung von Doktoranden vom öffentlichen zum privaten Sektor erfolgt. Hier sei in den USA (!) eine Verschiebung erkennbar: Immer mehr PhDs würden in der Privatwirtschaft arbeiten. In dem Beitrag geht es so gesehen nicht nur um Mediziner oder Juristen im KI-Zeitalter, sondern um Berufsaussichten allgemein..

Tarifis These: Die Hochschulbildung, wie wir sie kennen, werde ganz allgemein zunehmend obsolet werden. Im Besonderen seien langjährige Doktorarbeiten von dieser Bedeutungserosion betroffen.

Derlei Thesen mögen in den USA von anderer Relevanz sein als in den meisten Staaten der EU:

  • Die USA stehen nicht zuletzt dank Donald Trump vor einer potenziellen Massenflucht wissenschaftlicher Experten. Dass KI die dadurch entstehende Bildungslücke füllen soll, könnte Teil des Plan sein. Vor allem wenn es darum geht, solche KI zu verwenden, die sein persönliches Weltbild repräsentiert.
  • In den USA haben zudem das Gesundheits- als auch das Rechtssystem eine völlig andere Struktur und Bedeutung als beispielsweise in Deutschland.
  • Hinzu kommt, dass es in der EU eine KI-Verordnung gibt, welche es – durchaus im positiven Sinne – erschwert, dass sich KI über kurz oder lang nur noch selbst reguliert.

Insgesamt, so läßt sich sagen, zielt die Aussage vor allem auf den US-Markt ab. So gesehen ist er nur bedingt innerhalb der EU relevant. Für die USA könnten die Thesen allerdings zutreffen.

Der Artikel wirft nichts desto trotz ernsthafte Fragen auf. Im Kern spiegelt er das Selbstverständnis vieler KI-Experten aus den USA wider:

  • Disziplinen wie Recht und Medizin werden von ihnen häufig als reine Wissensgebiete angesehen.
  • Je mehr Trainingsdaten, desto besser. So gesehen ist KI ohne Frage ein Sargnagel für diverse Wissensberufe.
  • Was oft übersehen wird: Gerade die Bereiche von Medizin und Recht sind primär Methoden-Berufe. Oft wird erst in komplexen vertrauensvollen Gesprächen klar, wo überhaupt das Problem liegt.
  • Zudem dienen Dissertationen in diesen Fachbereichen dem Nachweis eigener wissenschaftlich-methodischer Kompetenz.
  • Insbesondere der Nachweis der Selbständigkeit ist in Zeiten der KI ein potenziell besonders wichtiger Aspekt, denn je mehr man an die KI auslagert, desto mehr „verkümmert“ die Selbständigkeit!

Wenn man der Einschätzung von Jad Tarifi etwas entgegnen müßte, dann: Dass es gerade in Zeiten der exponentiell an Bedeutung gewinnenden KI umso wichtiger ist, dass gerade Juristen selbständig methodisch urteilen können müssen! Eine KI nutzen kann – auf gut Deutsch – künftig jeder „Depp“. Zu beurteilen, was davon rechtlich richtig und was falsch ist, müssen Juristen beurteilen – wenn auch unter Zuhilfenahme von KI.

Kategorie:

Inhalte des Beitrags, u.a.:

  • Berufliche Zukunft
  • Sinn von Dissertationen
  • Zeitvergeudung durch juristische Ausbildung

* Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird im Text die männliche Form verwendet, die weibliche Form ist selbstverständlich immer mit eingeschlossen.